Literatur zum Thema

Kevin Bales
Die neue Sklaverei
Kunstmann, München 2001

Kevin Bales bietet eine detaillierte Einführung in die moderne Sklaverei und lässt Betroffene ausführlich zu Wort kommen. Drei Formen der heutigen Sklaverei - Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft und Vertragssklaverei - stellt er an Länderbeispielen aus Thailand, Mauretanien, Brasilien, Pakistan und Indien dar. Typisch für die neue Sklaverei ist der niedrige Kaufpreis für Sklaven bei hohem Profit für die Halter. Denn anders als bei der historischen Sklaverei besteht ein Überschuss an potenziellen Sklaven, und weder ethnische noch religiöse Unterschiede dienen als Rechtfertigung für die Versklavung. Abschließend beschreibt Bales, wie gegen Sklaverei vorgegangen werden kann, und gibt Kontaktadressen.

Pino Arlacchi
Die Ware Mensch. Der Skandal des modernen Sklavenhandels
Piper, München und Zürich 1999

Pino Arlacchi beschreibt - nach einem historischen Überblick über unterschiedliche Ausprägungen der Sklaverei in verschiedenen Gesellschaften - die häufigsten Formen der modernen Sklaverei: Zwangsarbeit, Zwangsprostitution und Schuldknechtschaft. Als Leiter der Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung der Vereinten Nationen in Wien von 1994 bis 2001 sieht Arlacchi in der modernen Sklaverei einen Bestandteil des globalen Marktes: Organisierte Schlepperbanden locken besonders Frauen und Kinder in reichere Länder in die Sklaverei (meist als Sexsklaven). Arlacchi zeichnet die Wege der Schlepperbanden nach und zeigt, wie sich am Straßenstrich die Einwanderungswellen erkennen lassen. Allein in der Europäischen Union sollen rund eine halbe Millionen Frauen zu Prostitution gezwungen werden und in Deutschland 75 Prozent aller Prostituierten Ausländerinnen sein.

Orlando Patterson
Slavery and Social Death. A Comparative Study
Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts und London 1982

Der Soziologe Orlando Patterson vergleicht die Sklavenhaltergesellschaften der Welt von der Antike bis zur Abschaffung der Sklaverei, um das Macht- und Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sklave und Sklavenhalter herauszuarbeiten. Er prägt dafür den Begriff des sozialen Tods: Sklaven sind Menschen ohne Verwandtschaft, ohne eigene Vergangenheit und ohne Ehre - Objekte und nicht Subjekte des Rechts. Diese Definition der Sklaverei kann sowohl auf die Plantagensklaverei als auch auf die Sklaverei in afrikanischen und anderen nicht westlichen Gesellschaften angewendet werden. Im Zentrum der Abhängigkeit steht die völlige Isolation - der soziale Tod - des Sklaven in sozialer, psychologischer und kultureller Hinsicht. Die einzige Bezugsperson wird der Sklavenhalter, egal ob gewalttätig oder verantwortungsbewusst. Für den Sklaven bedeutet dies totale Ohnmacht und Abhängigkeit. Dies ist allen von Patterson untersuchten Sklavenhaltergesellschaften gemeinsam, auch der heutigen Sklaverei.

David Kyle und Rey Koslowski (Hrsg.)
Global Human Smuggling. Comparative Perspectives
Johns Hopkins University Press, Baltimore und London 2001

Die Aufsätze dieses Sammelbands untersuchen den Menschenhandel aus historischer und vergleichender Perspektive. Sie stellen die Einwanderungswellen und Wege der Menschenhändler dar sowie die politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Ursachen für den Menschenhandel. Der zunehmende Handel mit Menschen hat bereits zu neuen nationalen Gesetzen und internationalen Abkommen geführt. Doch ist ihm nicht so leicht beizukommen. Das erfordert auch zivilgesellschaftliches Engagement, die Ausbildung einer globalen Ethik und die internationale Anerkennung der Menschenrechte.

International Labour Office
Stopping Forced Labour. Global Report under the Follow-up to the ILO Declaration on Fundamental Principles and Rights at Work
International Labour Office, Genf 2001

Nach der Konvention Nr. 29 der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organisation, ILO) von 1930 zeichnet sich "unfreie oder erzwungene Arbeit" durch zwei Merkmale aus: die Ausübung von Zwang und den Verlust von Freiheit. Darunter fällt jede Arbeit oder Dienstleistung, die von einer Person unter der Androhung einer Strafe oder der Anwendung von Gewalt ausgeführt wird, für die sich diese Person nicht aus freien Stücken angeboten hat. Im ersten Teil des Berichts - eingeleitet durch einen kurzen historischen Abriss über Sklaverei - werden die verschiedenen Formen unfreier Arbeit weltweit dargestellt: Sklaverei in Afrika, Knechtschaft in Asien sowie Zwangsrekrutierungen und Vertragssklaverei in Lateinamerika und der Karibik. Außerdem wird der zunehmende Menschenhandel - besonders der Handel mit Frauen und Kindern - und seine Verbindung zu unfreier Arbeit beschrieben. Zusätzlich wird die Frage von Zwangsarbeit in Gefängnissen diskutiert. Im zweiten Teil gibt die Studie einen Überblick über die Erfolge der ILO und anderer Organisationen, unfreier Arbeit vorzubeugen oder sie zu beseitigen.

OSCE / ODIHR
Trafficking in Human Beings: Implications for the OSCE. OSCE Review Conference September 1999
ODIHR Background Paper 1999/3, Warschau 1999

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE) untersucht den zunehmenden Menschenhandel nach Westeuropa und die Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Dabei wird nicht nur der Frauenhandel betrachtet - 1997 wurden allein 175.000 Frauen und Mädchen aus Zentral- und Osteuropa nach Westeuropa in die Zwangsprostitution verkauft. Es geht auch um Menschenhandel zu anderen Zwecken, etwa zur Ausbeutung der Arbeitskraft in Haushalten oder in der Landwirtschaft. Neben der Abstimmung der internationalen Politik gegen Menschenhandel müssen besonders die ökonomische Situation und die Sicherheitslage in den Herkunfts- wie den Zielländern betrachtet werden. In den Zielländern müsse für den Schutz der Opfer gesorgt werden; überall müsse das Organisierte Verbrechen wirksam bekämpft werden.

Urs Peter Ruf
Ending Slavery. Hierachy, Dependency and Gender in Central Mauretania
transcript, Bielefeld 1999

Der Bielefelder Ethnologe Urs Peter Ruf gibt einen differenzierten Einblick in die archaische Form der Sklaverei in Mauretanien, die - obwohl verboten - als soziales Verhältnis weiter besteht. Ruf verbindet biografische Interviews mit Sklaven und Freigelassenen sowie Hintergrundinformationen. Er zeigt, welche Faktoren die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Sklavenhalter und Sklaven bestimmen. So müssen Sklaven je nach Geschlecht und nach der wirtschaftlichen Stellung des Sklavenhalters unterschiedliche Arbeiten verrichten, die mehr oder weniger persönliche Freiheit zulassen. Sklavinnen sind als Dienstboten, Prestigeobjekte, Konkubinen und Mütter zusätzlicher Kinder des Herren an den Haushalt ihres Halters gebunden; sie haben weniger Freiheit als männliche Sklaven, die sich durch ihre Aufgabe als Hirten weiter aus dem direkten Einflussbereich des Sklavenbesitzers entfernen können. Auch nach der Freilassung eines Sklaven bestehen das Stigma und die ökonomische, soziale und kulturelle Benachteiligung fort.

Laura J. Lederer
Human Rights Report on Trafficking of Women and Children. A Country-by-Country Report on a Contemporary Form of Slavery
Protection Project, Johns Hopkins University, Washington, Nanjing, Bologna 2001

Nach einer kurzen Einführung führt der umfangreiche Bericht alphabetisch auf, welches Land der Erde Herkunfts-, Transit- oder Zielland für Menschenhandel ist - oder auch mehreres zugleich. Jeder Länderartikel gibt Informationen zu Menschenhandel und Prostitution, zur nationalen Gesetzgebung und zur Situation der Kinder innerhalb der Prostitution und des Menschenhandels. Dabei fällt auf, dass kaum ein Land nicht vom Frauen- und Kinderhandel betroffen ist. Am Schluss stehen einige Berichte von Opfern sowie Tabellen, Statistiken und Karten über die Wege des Menschenhandels.

Jean-Robert Cadet
Restavec. From Haitian Slave Child to Middle-Class American. An Autobiography
University of Texas Press, Austin 1998

Jean-Robert Cadet beschreibt seine Lebensgeschichte als Restavec (französisch reste avec, "leben mit"), als Kindersklave auf Haiti. Als Sohn eines reichen weißen Geschäftsmanns wird er im Alter von vier Jahren, nach dem Tod seiner schwarzen Mutter, an die vorherige Geliebte seines Vaters gegeben und muss ihr als Sklave dienen. Schließlich kann Cadet seiner Herrin entfliehen, eine Ausbildung beenden und als Geschichts- und Französischlehrer arbeiten. Die ungewöhnliche Biografie erzählt vom Alltag als ungewolltes Kind und Haussklave auf Haiti sowie in New York und von seinem Aufstieg zu einem Amerikaner der Mittelschicht, der immer wieder dem Rassismus in den USA ausgesetzt ist. Cadet widmet sich seit dem Jahr 2000 ausschließlich befreiten Kindersklaven. Er versucht, für sie ein Zuhause und Ausbildungsplätze zu finden, und bemüht sich um Aufklärung auf Haiti über diese Form der Sklaverei, die ihm zufolge etwa 250.000 Kinder betrifft.

Dominique Torrès
Esclaves. 200 millions d’esclaves aujour-d’hui
Phébus (liberté sur parole), Paris 1996

Den Untersuchungen von Dominique Torrès zufolge gab es 1996 in über 50 Länder zusammen 200 Millionen Sklaven - Tendenz steigend. Dabei stützt sie sich auf eigene Recherchen sowie auf eine Studie der UN von 1994, die im Literaturverzeichnis aber nicht verzeichnet ist. Die Reporterin des Fernsehsenders France 2 bietet Studien aus Mauretanien, Kuwait und Marokko sowie aus Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Fast in Form eines Reiseberichtes beschreibt sie Begegnungen mit Sklaven und lässt die ihre Geschichte erzählen.

Inga Nagel
Kinderhandel in Westafrika. Bericht einer Recherche zum Thema
terre des hommes, Osnabrück 2000

Während einer Feldforschung 1999 hat Inga Nagel den Kinderhandel in Westafrika untersucht. Sie betrachtete Mali, Burkina Faso und Benin als Herkunftsländer und Côte d’Ivoire und Gabun als Zielländer. Bereits in vorkolonialen Zeiten gehörte zu der Sozialisation eines Kindes oft, in anderen Gegenden zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln - auch um die Familie wirtschaftlich zu entlasten oder sie zu unterstützen. Dieses Fortgehen war allerdings zeitlich begrenzt und führte zu entfernteren Verwandten oder Bekannten in den Städten. Heute dagegen sind zwar die Händler den Eltern meistens bekannt, aber wo die Kinder hingebracht werden und arbeiten sollen, ist ungewiss. Die Arbeit ist nicht zeitlich begrenzt, und die Kinder sind erheblichem Missbrauch ausgesetzt.

Human Rights Watch, eine Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Washington, New York, Los Angeles, London und Brüssel, beschreibt in sechs Studien moderne Formen der Sklaverei:

Children of Sudan. Slaves, Street Children and Child Soldiers. 1995

Diese Studie gibt einen Überblick über die Situation der Kinder im bürgerkriegsgequälten Südsudan. Es kommen Kinder zu Wort, die in die Sklaverei verkauft wurden, weil ihre Eltern weder sie noch sich selbst ernähren konnten, oder die im Krieg bei gezielten Sklavenjagden verschleppt wurden. Zur Sklaverei im Sudan siehe auch den Artikel von Peter Verney in "der überblick" 2/1999.

The Small Hands of Slavery. Bonded Child Labour in India. 1996
Contemporary Forms of Slavery in Pakistan. 1995

Diese Berichte behandeln die Schuldknechtschaft in Indien und seinem Nachbarland Pakistan, wo diese Form der Sklaverei am stärksten verbreitet ist. Mindestens 15 Millionen Kinder leben in Indien in Schuldknechtschaft. In Pakistan sind viele tausend betroffen - nach einigen Schätzungen sogar Millionen; der Staat duldet diese Form der Sklaverei, die Polizei verdient an Bestechungsgeldern.

A Modern Form of Slavery. Trafficking of Burmese Women and Girls into Brothels in Thailand. 1993
Owed Justice. Thai Women Trafficked Into Debt Bondage in Japan. 2000
Rape for Profit. Trafficking of Nepali Girls and Women to India’s Brothels. 1995

Diese drei Berichte sind dem Handel mit Frauen und Mädchen zwischen Ländern Asiens gewidmet - von Birma nach Thailand, von Thailand nach Japan und von Nepal nach Indien. In allen Fällen werden die Opfer in der Regel zur Prostitution gezwungen. Korruption und Versäumnisse der jeweiligen Regierungen beim Einsatz für Frauenrechte und gegen den Frauenhandel werden angeprangert.

Anti-Slavery International hat zwei Studien zur modernen Sklaverei (mit) herausgegeben. Die eine, Sklaverei und Zwangsarbeit im 21. Jahrhundert (London und Brüssel 2001, herausgegeben von Anti-Slavery International, DGB Bildungswerk, EED, IG Metall, Internationaler Bund Freier Gewerkschaften, Kindernothilfe und Werkstatt Ökonomie), rückt die internationalen und nationalen rechtlichen Vereinbarungen und Vorgehensweisen in den Vordergrund und illustriert sie mit Fallbeispielen. In der anderen, Debt Bondage (London o.J.), liegt der Fokus auf Länderstudien zur Schuldknechtschaft. Die reiche Bebilderung macht das Leiden sehr greifbar.

Tipps fürs Internet-Surfen

Informationen über moderne Sklaverei findet man im Internet auf den Seiten verschiedener Menschenrechtsorganisationen. In Deutschland wird man unter anderem bei terre des hommes www.tdh.de und der Werkstatt Ökonomie www.woek.de fündig. Gute internationale Informationsquellen sind: Anti-Slavery International www.antislavery.org und ihr US-amerikanisches Pendant Free the slaves www.freetheslaves.net; www.iAbolish.com; www.trafficked-women.org; www.protectionproject.org; www.inter-nationalneeds.com; und www.sos-esclaves.org. Letztere setzt sich für die Befreiung der Sklaven in Mauretanien ein.

Eva-Maria Eberle